Moulinex Kulturgeschichte der Küchenmaschine
 
Trennen und Verbinden sind die beiden antagonistischen Prinzipien, denen die ästhetischen Techniken der Verwandlung von Naturstoffen in kultivierte Speisen unterliegen. Der Küchenmixer zeigt diese Doppelfunktion an: als Zerkleinerungsmaschine zertrennt er natürlich-stofflich Zusammenhängendes und verbindet gleichzeitig verschiedene Zutaten zu einer neuen stofflichen Einheit, die zugleich eine neue Einheit des Bedeutens ist. Mithilfe der Küchengeräte kreiert der geniale Meister-Koch aus den Materialien - dem Künstler oder gar dem Schöpfer gleich - einen neuen Geschmack. In diesem neuen Geschmack soll sich sein persönlicher Geschmacksinn dokumentieren. Dies ist die Grundfigur aller ästhetischen Transformation: aus der Vermischung bzw. Zusammenstellung des Verschiedenen springt auf der anderen Seite ein einziger neuer Unterschied heraus, der die Individualität des zusammenfügenden Subjekts artikulieren soll.

Am Beispiel des Mixers läßt sich gut zeigen, daß dieser nicht einfach ein praktisches Hilfsmittel ist. In der Japanischen Eßkultur gibt es keine Trennung zwischen einem technischen, nicht-ästhetischen Bereich der Zubereitung und einem ästhetischen Bereich des Konsums. Der kunstvolle Umgang mit dem Messer, die feinste Unterscheidung der Schnittführung und deren Ritualisierung spielen eine bedeutende Rolle. In dieser hochgezüchteten Schneidekultur können die Kenner angeblich am Geschmack des rohen Fisches wahrnehmen, ob er in der richtigen Richtung geschnitten wurde. Die Zubereitung erfolgt vor den Augen des Essers. Das Messer hat dabei die Funktion, zu differenzieren, zu strukturieren, mit seinen Einschnitten Unterscheidungen zu schaffen, und damit auch die kulturelle Bedeutung der Speise zu produzieren. Der elektrische Mixer, das technologische Leitfossil der amerikanistischen 50er Jahre, operiert mythologisch in die entgegengesetzte Richtung. Durch Maschinenkraft und mechanische Drehung des Messers vervielfältigt er das Schneiden so weit, daß das Ergebnis nicht in etwas Geschnittenem, sondern in Brei besteht. Das Schneiden als Differenzierungstechnik wird funktional gewendet zur Entdifferenzierung. Noch das Verschiedenste soll zur Einheit werden; Ziel ist eine "moderne", stromlinienförmige Nahrung, die der Kau- und Verdauungsanstrengung ganz übermäßig entgegeneilt, dem Körper Totalentlastung verheißt und zur Regression einlädt. Wie vom Mutterkörper wird vom Mixer alle Nahrung in einen homogenen, nährenden Strom verflüssigt. Im Milkshake des Rock n' Roll-Zeitalters artikuliert sich die Vision der Moderne, die Differenzierung im Bereich des Maschinenbaus zu leisten, um sich, vom Gerätepark versorgt, von der Anstrengung der kulturellen Differenzierungen entlasten zu können und fröhlich zum "Einfachen" zu regredieren. Diese Auslagerung der Kultur in die Geräte ist eine Veranstaltung, die innerkulturell das Feld der Differenzierungsleistungen verschiebt, insgesamt aber deshalb nicht weniger differenziert ist. Viele der damals unhandlichen und schwer zu reinigenden Küchenmaschinen wanderten ins oberste Regal und bewiesen in der Folge durch Nichtverwendung ihren Status als Kultgegenstände. Das Messer des Mixers wirkt nicht analytisch trennend, sondern synthetisch: das Plastikzeitalter symbolisiert sich in der Nahrung, schafft Neues, zerschneidet das Band der Erinnerung an das Naturmaterial. In der gegenwärtigen Küche kommt neben den Maschinen gleichberechtigt das gute, alte, nicht-elektrische Messer wieder zu Ehren, dessen kunstvoll-genüßliche Handhabung der Freizeitkoch sich nicht wegnehmen lassen will.